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Interview mit Ngo The Chau
(Regisseur, Kamera, Bildgestaltung, "Die Hexenprinzessin")

05. Januar 2021

Ngo The Chaus brilliante und bildgewalte Arbeit konnte der Zuschauer erstmals bei der ZDF-Märchenperle "Rübezahls Schatz" erleben. Seine erste Regiearbeit war der darauf folgende Märchenfilm "Schneewittchen und der Zauber der Zwerge". In der neusten Märchenperle "Die Hexenprinzessin" konnte Ngo The Chau erneut seine Kreativität ausleben.

maerchenfilm.info führte mit Ngo The Chau ein ausführliches und interessantes Interview.

Wie sind Sie auf das Projekt „Die Hexenprinzessin“ aufmerksam geworden?
Ich habe begonnen,  in der Postproduktionszeit von „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“ mit der Redaktion vom ZDF über  „Die Hexenprinzessin“ zu sprechen. Ich kannte das skandinavische Märchen „Zottelhaube“ persönlich nicht und war sehr fasziniert von dem Ansatz, ein sehr düsteres Märchen zu verfilmen.

Als Sie von der Produktion zu „Die Hexenprinzessin“ erfuhren, hatten Sie gleich den Film bzw. Filmbilder im Kopf?
Die ersten Bilder und Atmosphären begannen ganz klar mit der ersten Drehbuchversion, die ich lesen durfte. Die Redaktion hatte viel Zeit und Energie in die Entwicklung gesteckt, um nicht nur dem Märchen, sondern auch dem Fernsehformat gerecht zu werden. Uns war schnell klar, dass wir diese enorm düstere Grundstimmung gerade für die jüngeren Zuschauer aufheitern mussten. Ein Drahtseilakt, der uns allen bis zur Fertigstellung noch sehr viel abverlangte.

Wie haben Sie sich als Regisseur und Kameramann auf das Märchen und den Dreh vorbereitet?
Natürlich musste ich erst einmal herausfinden, welche Ansätze in unserer Verfilmung mir am wichtigsten erschienen. Ich habe mich ganz offen auf den Prozess eingelassen und war relativ entspannt und neugierig auf jede neue Drehbuchversion. Es stellte sich dann aber doch sehr schnell raus, dass wir rechtzeitig zum Produktionsbeginn ein tolles Drehbuch hatten, was mir noch genug Platz ließ, eigene oder auch spontane Dinge zu gestalten und einzubringen, die so noch nicht aufgeschrieben worden waren. Das heißt eigentlich nichts anderes, als dass wir durch das Drehbuch eine super Grundlage geschaffen hatten, damit alle beteiligten kreativen Prozesse sich während des Drehs und in der Postproduktion noch einmal mehr gegenseitig inspiriert haben und jeder dem anderen nochmal eine bessere Idee vorschlagen konnte. Ich war da in einer glücklichen Position, die Dinge für eine große Vision entscheiden zu können. Ich bin da sehr offen und versuche jede gute Idee einzuarbeiten, egal, von wem sie ist.

Was stand für Sie bei der Entwicklung der Geschichte im Vordergrund?
Im Vordergrund stand für mich die große Heldengeschichte! Der wilden Zottel die Möglichkeit zu geben, über sich selbst hinaus wachsen zu können. Eine starke Frauenrolle in den Vordergrund zu stellen, die ganz anders ist, als wir sie oft vermuten. Natürlich braucht so eine Figur starke und vielschichtige „supporting roles“, die alle nicht so glatt und vorhersehbar sind. Die Figuren sind entscheidend, wenn wir emotional mitfühlen wollen. Sie müssen vor dem Happyend Ecken und Kanten gezeigt haben. Unfreiwillig finde ich es immer spannender, wenn  sie eine Reise unternehmen, um neue Dinge zu erfahren oder zuzulassen. Das finde ich packend und daher habe ich das sicherlich konzeptionell stark in den Vordergrund gestellt. Man sollte meinen, dass der Fantasy-Aspekt klar im Vordergrund stand. Ich denke, dass ich in diesem Genre sehr selbstbewusst agiere und daher weniger Mühen investieren musste, um das Thema zu gestalten.

Sie führten zum zweiten Mal Regie bei einem Märchenfilm. War die Arbeit als Regisseur nun etwas einfacher als noch bei „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“?
Jedes neue Projekt verlangt einem alles ab, wenn man mit Leidenschaft und Liebe zum Detail arbeitet. Natürlich hat mir der Erfolg von „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“ geholfen, mit einer größeren Selbstsicherheit meine Entscheidungen zu treffen. Eine wesentliche Erleichterung ist es natürlich, auf ein bewährtes Team zurückgreifen zu können. Fast alle entscheidenden kreativen Positionen habe ich mit vertrauten oder befreundeten tollen Filmkollegen besetzt und hatte dadurch eine geniale Arbeitsatmosphäre, die entscheidend für mich ist, wenn man einen tollen Film mit diesem Qualitätsanspruch realisieren möchte.

Wie nah hält man sich bei diesem Film an die literarische Vorlage?
Wir haben uns nicht sehr streng an die literarische Vorlage halten müssen, da wir bewusst entschieden haben, dem Film was Modernes mitzugeben. Wir sind umgeben von ganz neuen Sehgewohnheiten , die sich damals der Autor sicherlich nicht in dieser Form hätte ausmalen können. Das ist aber auch ok, da wir sicherlich die Grundgeschichte und die Vermittlung der Werte und der Moral klar beibehalten oder gar erweitert haben.

Was reizt Sie einen Märchenfilm wie „Die Hexenprinzessin“ oder „Schneewittchen“ zu drehen?
Beide Märchen haben ihren eigenen Reiz! Sicherlich bringen beide mit sich, dass sie Geschichten von jungen Menschen erzählen, die sich weiterentwickeln und für das Gute einstehen. Lernen über sich hinaus zuwachsen, egal wie schmerzhaft oder gefährlich es erscheint. Ich brauche immer in erster Linie die emotionale Komponente, um einer Geschichte dann ihre visuellen Reize mitzugeben. Nur tolle visuelle Stimmungen reichen mir am Ende dann nicht. Der große Reiz ist klar: Charakterstarke Figuren, bis in die Nebenrollen, und dann schmücken wir alles andere soweit aus, bis das Budget „ausgereizt“ ist! Ha ha…

Der Film wurde erneut in Tschechien gedreht? Warum gerade dort?
Tschechien bietet einfach eine unglaublich tolle Erfahrung im Umgang mit Märchenfilm-Produktionen. Es gibt sehr gute Filmschaffende, die dieses Medium lieben und “können“. Natürlich kann man daher auf Vieles zurückgreifen, was „per se“ schon einen hohen Qualitätsanspruch durchlaufen hat. Ein weiteres wichtiges Argument sind die tollen Motive, die für solche Filmprojekte zugänglich sind. Es ist sicherlich in Deutschland schwieriger, Drehgenehmigungen in den besonderen Burgen und Schlössern zu bekommen.

Welche Szene war in der Umsetzung am anspruchsvollsten?
Alle Hexenszenen, die in Slemjord spielen, waren für uns technisch und gestalterisch wahrscheinlich am risikoreichsten, da wir ein ungewöhnliches Rückprojektions-Konzept in einem sehr,  sehr kleinen Studio gedreht haben, der für alle späteren Ansprüche, wie den Showdown, funktionieren musste. Während wir es gedreht haben, war ich zuversichtlich, dass wir unsere begrenzten Mittel richtig und gut eingesetzt hatten. Dass wir durch die Postproduktion und vor allem durch die gestalterischen Tricks von meinem Colorist Tobias Wiedmer zu diesem wunderbaren Ergebnis gekommen sind, beweist einmal mehr, dass Teamwork einfach sehr wertvoll ist und auch aus kleinen begrenzten Mitteln sehr große Momente erschaffen kann.

Gab es besondere Ereignisse beim Dreh?
Na klar gab es unzählige besondere Ereignisse beim Dreh von „Hexenprinzessin“. Besonders schön sind ungeplante, besondere Wendungen, die sich die Natur immer wieder einfallen lässt und wo wir imstande waren,  diese auch positiv für den Film zu nutzen.  So zum Beispiel die Szene, wo Zottel im Wald auf Prinz Tanka trifft und sein Pferd vor Angst vor dem Wolf ausbüxt. Wir hatten die Szene natürlich nicht in einer Schneelandschafft geplant, aber wir haben es als Geschenk angenommen und gerade da war es chronologisch in der Geschichte möglich,  die Figuren durch eine plötzliche Schneelandschaft wandern zu lassen. Natürlich war es alles andere als einfach, diese Szene logistisch zu drehen, da dieses Motiv sehr hoch lag und wir mit offroad-Fahrzeugen nur das Nötigste hinbringen konnten. Außerdem bestand ein sehr großer Teil der Inszenierung daraus, dass wir viel vor Zottel herlaufen wollten und das hieß für mich mit der Kamera rückwärts durch den Schnee und ich kann mich noch sehr gut an die schmerzvollen Steine und das Glatteis erinnern, über die man beim schnellen Rückwärts-Laufen ständig stolperte oder ausrutschte.

Durften Sie bei den Schauspielern mitentscheiden? Hatten Sie einen Wunsch?
Ja, sicherlich ist dieser wesentliche Aspekt „ Besetzung“ ein sehr umkämpftes Gebiet! Am Ende war es aber bei „Hexenprinzessin“ mein Traumcast und ich bin jedem Einzelnen dankbar, der das möglich gemacht hat. Ich denke, dass wir mit dieser Besetzung auch ein wenig deutsche Film/Märchengeschichte geschrieben haben und bin sehr stolz darauf, dass ich nicht nur mit befreundeten Schauspielkollegen dieses Vertrauen genieße, sondern auch mit ganz neuen Schauspielern trumpfen konnte

Haben Sie eine Lieblingsszene im Film und warum gerade diese?
Zu meinen Lieblingsszenen gehört sicherlich die sehr lange 9min Szene, wo Zottel auf dem Tisch erwacht und versucht, ihrem Vater ihre Hilfe anzubieten, was leider in einem Familiendrama endet. Diese Szene ist so komplex, mündet in die Offenbarung der Königin und ihrer Lüge zum König. Die Szene ist meisterlich geschnitten von meinem Editor Felix Schekauski, der es schafft, diese
Flashback-Szenen so stimmungsvoll und konsequent zu montieren, sodass diese sehr lange Auseinandersetzung doch kurzweilig erscheint und wir mit dem Schlusskommentar von Prinz Tanka es wiederum schaffen, aus der gesamten  Szene mit einem süffisant-schmunzelnden Eindruck wiederum rauszukommen. Also wenn es gelungen ist Weinen und Lachen sehr nah und glaubhaft aneinander zu bauen, dann bin ich sehr happy!

Welchen aktuellen Bezug hat „Die Hexenprinzessin“ zur heutigen Zeit?
Zeitlos sind die Heldenfiguren! Gerade heute brauchen wir starke junge Helden, die wie auch Zottel zunächst sehr unbekümmert und scheinbar verantwortungslos ihren Pflichten aus dem Weg gehen. Durch Liebe aber wächst Zottel in die Rolle der Heldin hinein und entsagt den Versuchungen von Macht und Ungerechtigkeit . Dadurch mutiert sie nicht zur dunklen grauenhaften Hexe. Ich denke, dass wir gerade in dieser Gesellschaft eine Verantwortung tragen und jeden „Pakt“, den wir mit unserem Lebensraum eingehen, auch mit jeder Konsequenz daraus lernen müssen, damit umgehen müssen. Im Guten wie im Bösen! Wir müssen lernen, die Dinge wieder gerade biegen zu können oder noch viel besser,  das Unheil zu vermeiden! Wichtig ist es, die jungen Leute mit diesen Themen immer am Puls der Zeit zu sensibilisieren, sie im Prozess der Verwandlung, der Veränderung teilhaben zu lassen, damit sie einmal selber besser entscheiden können , das Richtige zu tun.

Welche Moral möchte dieser Film vermitteln?
Die Moral der Geschichte liegt ganz klar im Sinne des Betrachters. Für jeden mag eine andere Moral richtig sein oder gar im Vordergrund stehen. Die „Hexenprinzessin“ bietet da einige Optionen an und ich selber mag am meisten, dass das „Gute“ im Herzen immer zu gewinnen vermag!

An welches Publikum richtet sich der Film?
Ich denke, dass der Film sich an Groß und Klein richtet. Unsere ganz jungen Zuschauer werden mit der düsteren Grundatmosphäre in Slamjord sehr gefordert sein, aber wer es spannend findet und keine Angst entwickelt, wird sehr auf seine Kosten kommen.

Welches Märchen würden Sie gern in märchenhafte Bilder umsetzen wollen?
Das arabisch/persische Volksmärchen aus 1001 Nacht: Sindbad der Seefahrer!

Oftmals werden ja die Neuverfilmungen sehr kritisiert. Man findet sie oft zu kitschig, zu modern, sie hätten keinen Charme etc. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Neuverfilmungen haben sicherlich ihre Berechtigung, wenn sie im Geiste des Schöpfers anders und ganz wichtig mit Leidenschaft und Innovation erfüllt  sind und ganz frevelhaft finde ich unambitioniertes Filme machen.

Wie stehen Sie generell zum Thema „Gewalt im Märchen“?
Wir müssen die Gewalt im Märchen unterscheiden. Es gibt die körperliche Gewalt, aber auch die psychologische. Beides muss sehr verantwortungsvoll in Szene gesetzt werden! Bei „Hexenprinzessin“ haben wir da ein gutes Gleichgewicht gefunden, wobei wir sicherlich psychologisch gewaltloser sind als manch altmodisch verfilmtes Märchen.

Wir bedanken uns für das märchenhafte Interview.

Fotos: ZDF/Conny Klein, Die Hexenprinzessin (Instagram), Charlotte Krause (Instagram), Marisa Leonie Bach (Instagram), Mirjam Knickriem

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