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Interview mit Irene Wellershoff und Götz Brandt
(ZDF Redaktion beim Märchenfilm "Die Hexenprinzessin")

20. November 2020

Irene Wellershoff und Götz Brandt von der ZDF-Kinderfernsehen-Redaktion betreuen die neuste Märchenperle "Die Hexenprinzessin". maerchenfilm.info führte mit ihnen ein märchenhaftes Interview.

Wie entstand die Idee, ein norwegisches Märchen mit dem Titel „Zottelhaube“ als Film umzusetzen?
Irene Wellershoff:„Zottelhaube“ erzählt eine Geschichte, die wir so noch nicht in unserer Reihe hatten . Sie handelt von sehr gegensätzlichen Zwillingsschwestern. Die eine ist das klassische Vorzeigekind, hübsch, liebenswert, pflichtbewusst, die andere ist wild, unangepasst und im ständigen Konflikt mit ihren Eltern. Sie repräsentiert gewissermaßen  die dunkle Seite einer Perönlichkeit, die aber nicht negativ ist. Als Gefahr droht, ist es die Wilde, die ihre Schwester im Märchen aus den Händen von Trollen rettet. Das fanden wir spannend.

Warum entschied man sich für ein unbekanntes Märchen?
Irene Wellershoff: Die Frage, ob ein Märchen bekannt oder unbekannt ist, steht für uns nicht im Vordergrund. Entscheidend sind andere Aspekte: Ist es eine fesselnde Geschichte? Erzählt sie etwas Neues? Trägt sie 90 Minuten? Fällt uns dazu etwas ein, wie man das Märchen für ein Publikum von heute erzählen kann? Natürlich auch: Ist der Stoff finanzierbar?

Was reizte Sie an dem Märchen „Zottelhaube“?
Götz Brandt: Die beiden Mädchentypen, die Abenteuerreise, natürlich auch die magischen Elemente, insbesondere die Ambivalenz zwischen schwarzer und weißer Magie, dem bösen Schaden-Zauber und positiv-magischen, menschenfreundlichen Fähigkeiten.

Wie lange dauerten die Vorbereitungen zum Film bis der Drehstart begann?
Götz Brandt: Wir haben 2017 angefangen, uns mit dem Märchen zu beschäftigen. Die meiste Zeit verschlingt zunächst die Entwicklung der Geschichte und damit des Drehbuches: ein Jahr ist dabei eher wenig. Die filmische Vorbereitung (Casting, location-scouting, Fertigung eines Finanzierungs- oder Drehplans etc.) dauert dann sicher auch noch von ersten Anfängen bis zum Drehstart ein paar Monate.

Wie nah hält man sich bei diesem Film an die literarische Vorlage?
Irene Wellershoff: Ich denke, dass der Kern unverändert geblieben ist: Zwillingsschwestern, die auf magische Art und Weise gezeugt wurden. Die eine macht den Eltern Freude, die andere Kummer. Aber gerade diese rettet ihre Schwester – und bekommt am Ende ihren Prinzen. Aus den Trollen haben wir Hexen gemacht, da es klar war, dass wir nicht in Norwegen drehen konnten.
Im Märchen trifft Zottelhaube ihren Prinzen erst auf dem Ritt zur Kirche. Wir haben hier ein Potential gesehen, dass ein Prinz, der Zottelhaube erst völlig ablehnt, weil sie gar nicht seinem Bild einer Prinzessin entspricht, sie auf ihrer Abenteuerreise zu den Hexen begleitet und sich dabei aus einer anfänglichen gegenseitigen Abneigung Liebe entwickelt.
Ansonsten haben wir die sehr lange Vorgeschichte gekürzt und verändert, nämlich indem die Königin einen Pakt mit den Hexen schließt.
Kai Meyer hat auf dieser Grundlage viele originelle Ideen entwickelt, z.B., dass der Vater die Geburtenreihenfolge vertauscht, dass die Eltern voreinander ihre dunklen Geheimnisse haben, die sie später einholen. Dass die Hexen die Erstgeborene zum Körpertausch brauchen und oder dass das Paar auf ihrer Reise einen Hexenjäger trifft und es zur Konfrontation mit einer Hexe in der Gastwirtschaft kommt. Max Honert hat die Grundideen übernommen, die Charaktere geformt und im Drehbuch ausfabuliert.
All das ist aus dem Erzählkern des Märchens entstanden, wobei im Schreibprozess am wichtigsten ist, dass das Drehbuch in sich stimmig und so gut erzählt ist wie möglich.

Der Film wurde erneut in Tschechien gedreht. Warum gerade dort?
Götz Brandt: In Verbindung mit einem engagierten tschechischen Produzenten rechnet sich das Projekt finanziell einfach besser. Dazu kommt, dass unsere Nachbarn über eine lange Märchentradition verfügen, über wunderbare Schauplätze genauso wie über bemerkenswerte Bestände an Kostümen. Und selbstverständlich über eine Menge hochqualifiziertes Personal: angefangen bei Statisterie und Kleindarstellern, denen man die Freude am Genre stets anmerkt, über eine eingespielte Filmcrew bis hin zu einer staunenswerten Postproduktion in Sachen Spezialeffekte.

Waren Sie beim Dreh vor Ort? Wenn ja, welche Eindrücke hatten Sie beim Dreh?
Irene Wellershoff: Ich war zwei Tage am Drehort Schloss Bouzov. Es war eiskalt und es regnete immer wieder, sodass bei der Begrüßung von Prinz Tanka auf der Brücke, bei den Proben Regenschirme über die Schauspieler gehalten wurden, bis dann wirklich gedreht wurde – dann mussten sie im Regen spielen ohne sich etwas anmerken zu lassen. Trotzdem waren die Darsteller gut gelaunt und konzentriert.
Toll war, wie liebevoll und geduldig Jürgen Vogel mit der Ratte umgegangen ist. Die Ratte hatte andere Pläne, als der Regisseur und strebte immer von Jürgen Vogels Schulter weg zu den Leckerlis. Und dann hat sie sich plötzlich umgedreht und ihm eine Art Küsschen aufs Ohr gegeben.
Währenddessen hat Colin Taplin, der Szenenbildner mit seiner Mannschaft den Festsaal für die Verlobungsszene vorbereitet, mit beeindruckendem Blick für jedes Detail. Übrigens wurde zuerst die Szene am nächsten Morgen gedreht, so dass zunächst die abgegessenen Teller und umgeworfenen Weingläser dekoriert wurden und anschließend die perfekt gedeckten Tische für den Beginn des Festes.
Es ist immer wieder eine Freude, Ngo The Chau bei der Arbeit zuzuschauen. Wie er seine bildgewaltigen Vorstellungen mit seinem Team in großer Zielstrebigkeit und Klarheit umsetzt und er auch bei widrigen Umständen, wie Dauerregen, nie missmutig wird.

Der Film wirkt ja sehr düster und actionreicher gegenüber den bisherigen Märchenperlen. War das eine bewusste Entscheidung?
Irene Wellershoff: Im norwegischen Märchen reißen die Trolle der Schwester sogar den Kopf ab! Da sind wir weniger düster.
Grundsätzlich folgt der Stil dem Inhalt: ein komödiantisches Märchen kann man hell und witzig erzählen, eine gefährliches Abenteuer mit Hexen ist zwangsläufig düsterer.

Götz Brandt:
Gleichwohl sieht die „Hexenprinzessin“ nicht aus, als wäre sie nur nächtens, an Regentagen oder im düsteren Wald gedreht worden. Im Gegenteil – unterm Strich macht der Film doch eher einen farbgesättigten, bisweilen sogar goldenen, stimmungsvoll-warmen Eindruck.

Irene Wellershoff:
Wir werden immer mal wieder mit der Forderung konfrontiert, Märchenfilme sollten hell und gefällig sein. In Märchen geht es aber immer um die Krisen des Aufwachsens und des Lebens, da müssen eben auch Gefahren überwunden werden, um am Ende glücklich zu werden.

Es ist ja eine TV-Produktion, jedoch wirkt der Film wie ein Hollywood-Blockbuster. Wie hat man es geschafft, den Film so aussehen zu lassen?
Irene Wellershoff: Freut mich sehr, dass Sie das so empfinden! Aber fragen müssten Sie das eigentlich den Produzenten Jens Susa und den Regisseur Ngo The Chau. Der Look des Films ist im Wesentlichen ihr Verdienst und der ihres wunderbaren Teams.

Vieles im Film erinnert ja stark an Harry Potter, Herr der Ringe oder auch Maleficient, sowie Prinzessin Fantaghiro. Woher nahm man die Inspiration zum Film.
Irene Wellershoff: An einem Film wirken viele Menschen mit, jeder nimmt die Inspiration woanders her.
In der Entwicklungsarbeit versuche ich, nicht ins Zitathafte zu kommen. Man muss ja zur eigenen Interpretation vorstoßen. Die Inspiration entwickelt sich, indem man die Möglichkeiten, die in einer Geschichte stecken, entdeckt.

Haben Sie eine Lieblingsszene im Film und warum gerade die?
Irene Wellershoff: Das ist bei einem Film mit so vielen starken Szenen eine schwierige Frage. Ich nenne eine ganz kleine Szene: Dort wandert beim Verlobungsfest der halb leergegessene Teller von Zottel von links nach rechts durchs Bild: Zottel knallt ihn dem Prinzen vor die Brust, Tanka hält ihn völlig verdattert in der Hand, der König tritt herzu, nimmt den Teller dem Prinzen ebenso beiläufig wie elegant ab und befreit ihn damit aus der demütigenden Situation und reicht ihn nach rechts in einer einzigen flüssigen Bewegung einem Diener weiter. Es ist ein kleines Spiel, das neben dem Dialog herläuft und in aller Kürze die drei Personen und ihr Verhältnis zueinander charakterisiert. So etwas macht einen Film reich.

Was passiert eigentlich mit den ganzen Requisiten und Kostümen, die ja zum Teil extra für den Film erschaffen worden sind, nach dem Filmdreh?
Irene Wellershoff: Die meisten Kostüme sind geliehen und gehen nach den Dreharbeiten zurück in den Fundus der Barrandov-Studios. Die Kostüme der Hauptdarsteller werden zum Teil extra für den Film entworfen und genäht. In Prag gibt es hervorragende Kostümbildnerinnen, die sehr qualitätvolle Kostüme entwerfen und anfertigen können. Das ist allerdings auch teuer und wird bezahlbar dadurch, dass auch diese Kostüme nach den Dreharbeiten in den Besitz von Barrandov übergehen. 
Vielleicht kann man sich im kommenden Jahr bei Fabulix einige der Kostüme aus der Nähe ansehen, so wie die Kostüme aus  "Rübezahls Schatz" in 2019.

An welches Publikum richtet sich der Film?
Götz Brandt: An ein breites Publikum von etwa 8 Jahren an aufwärts.

Welchen aktuellen Bezug hat "Die Hexenprinzessin" zur heutigen Zeit?
Irene Wellershoff: Für mich sind das die gegensätzlichen Frauencharaktere, die aber beide zu ihrem Recht kommen. Mädchen fühlen sich oft auf ein Frauenideal festgelegt, hier wird erzählt, dass Mädchen unterschiedlich sein können und dürfen.

Götz Brandt:
Gleichzeitig folgt der Film keinen traditionellen Vorstellungen von weißhäutigen Prinzen, katzbuckligen Hexen mit Hakennasen oder blutrünstigen Wölfen.

Welche Moral möchte der Film vermitteln?
Götz Brandt: Eine gute Geschichte birgt immer Moral. Am besten: die Geschichte ist die Moral selbst. Oder, was das Gleiche besagt: je besser die Geschichte, umso mehr Angebot macht sie dem Zuschauer. Wollte man die Moral im Vorhinein festlegen, geschähe es bloß zum Schaden des Inhalts. Also: welche Moral der Film vermittelt, entscheidet der Zuschauer selbst.

Gibt es bereits Zukunftspläne für weitere Märchenperlen?
Götz Brandt: Gewiss gibt es Ideen. Konkret ist davon momentan noch nichts.

Wie würde Ihnen ein Fernsehsender nur mit Märchenfilmen, Märchenreportagen und Märchenspiel- und Quizshows gefallen?
Irene Wellershoff: Das wäre mir zu einseitig. Ab und zu braucht man auch Nachrichten. Will sagen: Die Fantasiewelt braucht den Kontrast der Realität und umgekehrt.

Wäre es vorstellbar, mal wieder eine Märchenserie wie „Die Märchenbraut“ oder „Prinzessin Fantaghiro“ zu drehen?
Götz Brandt: Vorstellbar ist alles; aber es gehört schon der richtige Stoff zum richtigen Zeitpunkt und bei angemessener Finanzierungslage dazu, nicht zu vergessen die Konstellation entsprechend engagierter Leute. Das bedeutet: viel Konjunktiv und wenig Möglichkeit zur Prophezeiung.

Wir bedanken uns für das märchenhafte Interview.

Fotos: ZDF/Conny Klein, Provobis/ZDF/Dusan Martincek

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